EU AI Act: Welche Fristen gelten nach dem Digital Omnibus wirklich?
Der Digital Omnibus vom 7. Mai 2026 verschiebt ausschließlich die Hochrisiko-Pflichten: auf den 2. Dezember 2027 (eigenständige Hochrisiko-KI nach Anhang III) und den 2. August 2028 (KI in regulierten Produkten nach Anhang I). Alles andere bleibt: Die KI-Kompetenzpflicht (Art. 4) und die Transparenzpflichten (Art. 50) sind ab dem 2. August 2026 durchsetzbar — nur die Wasserzeichen-Pflicht wandert auf den 2. Dezember 2026.
Alle Fristen im Überblick
| Pflicht | Frist | Durch Omnibus geändert? |
|---|---|---|
| Verbotene KI-Praktiken (Art. 5) | gilt seit 02.02.2025, sanktionsbewehrt seit 08/2025 | Nein — zwei neue Verbote kamen hinzu |
| KI-Kompetenzpflicht (Art. 4) | gilt seit 02.02.2025, durchsetzbar ab 02.08.2026 | Nein — ausdrücklich nicht verschoben |
| Pflichten für GPAI-Modelle (Art. 53) | gelten seit 08/2025, Durchsetzung ab 08/2026 | Nein |
| Transparenzpflichten (Art. 50): Chatbot-Kennzeichnung, Deepfake-Hinweise | ab 02.08.2026 | Nein |
| Wasserzeichen für KI-generierte Inhalte (Art. 50 Abs. 2) | 02.12.2026 | Ja — verschoben (vorher 08/2026) |
| Hochrisiko-KI nach Anhang III (u. a. HR/Recruiting, Bildung, kritische Infrastruktur) | 02.12.2027 | Ja — verschoben (vorher 08/2026) |
| KI in regulierten Produkten nach Anhang I (u. a. Maschinen, Medizinprodukte) | 02.08.2028 | Ja — verschoben (vorher 08/2027) |
Was ist der Digital Omnibus überhaupt?
Der „Digital Omnibus on AI" ist ein Änderungspaket zur KI-Verordnung, das die EU-Kommission am 19. November 2025 vorgeschlagen hat. Hintergrund: Die harmonisierten Normen, an denen sich Hochrisiko-Anbieter orientieren sollen, verspäten sich, und die Compliance-Kosten wurden gerade für den Mittelstand als unverhältnismäßig kritisiert. Nach zähen Verhandlungen einigten sich Parlament und Rat am 7. Mai 2026 im Trilog auf die finale Fassung.
Wichtig zum Einordnen: Der Omnibus schafft keine einzige Pflicht ab. Er verschiebt Termine, vereinfacht Dokumentationspflichten und senkt Bußgelder für kleinere Unternehmen. Die inhaltlichen Anforderungen bleiben unverändert.
Der gefährlichste Irrtum: „Der AI Act wurde verschoben"
Diese Schlagzeile ist halb richtig — und genau deshalb riskant. Verschoben wurden die Pflichten für Hochrisiko-Systeme. Die treffen die wenigsten KMU direkt. Was fast jedes Unternehmen trifft, gilt dagegen unverändert ab dem 2. August 2026:
- Art. 4 (KI-Kompetenz): Wer ChatGPT, Copilot & Co. im Betrieb nutzt, muss geschulte Mitarbeitende und eine dokumentierte KI-Nutzungsrichtlinie nachweisen können.
- Art. 50 (Transparenz): Wer einen Chatbot auf der Website betreibt oder KI-generierte Inhalte gegenüber Kunden einsetzt, muss das kennzeichnen.
Ein Beispiel aus dem KMU-Alltag: Eine Steuerberatungskanzlei mit 20 Beschäftigten nutzt Microsoft Copilot, ChatGPT für Mandanten-Anschreiben und einen Website-Chatbot. Hochrisiko-KI? Fehlanzeige — die 2027er-Frist ist für sie irrelevant. Aber Art. 4 und Art. 50 treffen sie voll, und zwar in unter zwei Monaten ab Erscheinen dieses Artikels. Wer jetzt auf „verschoben" vertraut, steht im August ohne Nachweis da.
Was der Omnibus KMU zusätzlich bringt
- Neue Größenklasse „Small Mid-Caps": Unternehmen bis 750 Beschäftigte oder 150 Mio. € Umsatz profitieren künftig von vereinfachten Dokumentationspflichten, die bisher KMU vorbehalten waren.
- Niedrigere Bußgelder: Für KMU werden Bußgelder um 50 % reduziert, für Kleinstunternehmen um 75 %.
- Weniger Doppelprüfungen: Für KI in bereits regulierten Produkten (z. B. Maschinen, Medizinprodukte) wird die sektorale Konformitätsbewertung zum primären Pfad.
Ihre To-do-Liste bis zum 2. August 2026
- KI-Tool-Inventur: Alle KI-Systeme und KI-Funktionen in Standardsoftware erfassen — erfahrungsgemäß finden sich in KMU 5 bis 15 Anwendungen.
- Rollen klären: Sind Sie je Tool Betreiber oder Anbieter? Davon hängen die Pflichten ab.
- Risiko einstufen: Unkritisch, transparenzpflichtig oder (perspektivisch) Hochrisiko — mit Blick auf die neuen Fristen 2027/2028.
- Schulung durchführen und dokumentieren: Abgestuft nach Rolle, mit Datum und Teilnahmenachweis (Art. 4).
- Kennzeichnung umsetzen: Chatbots und KI-generierte Inhalte gegenüber Kunden transparent machen (Art. 50).
- Wiedervorlage Dezember 2026: Prüfen, ob die Wasserzeichen-Pflicht Ihre Inhalte betrifft.
Realistischer Aufwand für einen Betrieb mit 10–50 Beschäftigten: ein bis zwei Wochen — wenn es strukturiert angegangen wird. Entscheidend ist die Datierung der Nachweise vor dem Stichtag.
Häufige Fragen zu den AI-Act-Fristen
Ist der EU AI Act komplett verschoben worden?
Nein. Verschoben wurden nur die Pflichten für Hochrisiko-KI (Anhang III: 02.12.2027, Anhang I: 02.08.2028) und die Wasserzeichen-Pflicht (02.12.2026). Verbote, KI-Kompetenzpflicht, GPAI- und Transparenzpflichten gelten unverändert.
Welche AI-Act-Pflichten gelten ab dem 2. August 2026?
Ab dem 02.08.2026 sind die KI-Kompetenzpflicht (Art. 4) und die Transparenzpflichten (Art. 50) behördlich durchsetzbar — außerdem beginnt die Durchsetzung der GPAI-Pflichten. Das betrifft praktisch jedes Unternehmen, das KI-Tools wie ChatGPT oder Copilot nutzt oder einen Chatbot betreibt.
Ist der Digital Omnibus schon geltendes Recht?
Die politische Einigung im Trilog fiel am 7. Mai 2026. Formelle Annahme durch Parlament und Rat sowie die Veröffentlichung im Amtsblatt müssen vor dem 02.08.2026 erfolgen, damit die neuen Fristen greifen — bei der breiten Mehrheit (Parlament: 569 zu 45 Stimmen für die Verhandlungsposition) gilt das als sicher.
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